VentouxMan, Frankreich – was ein Triathlon 🙂

Das ich ausgerechnet bei einem Wettkampf, den ich zu keinem Zeitpunkt meiner Saison auf meiner Liste hatte, das erste Podium der Saison schaffe, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten.
Zur Zeit bin ich in Frankreich, weil ich mich selber mal als Camper ausprobieren und kennenlernen möchte. Fast jeden Tag an einem anderen Ort, einfach in den Tag hineinleben und das machen was mir gefällt. Sport, Schwimmen, Radfahren und Laufen gehören ja irgendwie zu mir wie das Zelt zum Campen.

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Das ich in der vergangenen Woche am Mount Ventoux gelandet bin war eher ein Zufall. Eigentlich wollte ich meine Reise in den Alpen beginnen und die legendären Pässe der Tour de France, wie Alpe d’Huéz, Luz Ardiden oder den Col du Galibier fahren. Da das Wetter dort laut Vorhersage aber nicht so ganz meinen Vorstellungen entsprochen hat, bin ich direkt durchgefahren zum Mount Ventoux – ein Riese von Berg, den die Tour fast jedes Jahr in ihrem Programm hat.

Irgendeinem meiner Freunde habe ich dann davon erzählt und dieser sagte mir, das es am Ventoux eine Challenge gibt, bei der man den Gipfel der Berges von allen drei zugänglichen Straßen erklimmen muss, um in den elitären Club, der „Cingles du Mount Ventoux“ aufgenommen zu werden. Gesagt, getan 🙂 Die Unterlagen für diese Challenge habe ich mir im Vorfeld übers Internet beim Präsidenten des besagten Clubs besorgt. Seit letzten Freitag bin ich also in diesem Club, der „Cingles du Mount Ventoux“, was übersetzt Club der Verrückten heißt. 4400 Höhenmeter auf einer Strecke von 138 km, dreimal zum Gipfel und wieder hinunter. Das ich bei meiner ersten Auffahrt dann auf einmal auch noch ein Auto mit unserem lokalen Kennzeichen WIL sehe, ist genau so verrückt wie, dass der Fahrer des gleichen KFZ dann auch noch ein bekannter Radsport-Freund von RV Schwalbe Trier, Markus Kersten ist, der sich kurzum entschließt mich bei meinem 2 verbleibenden Aufstiegen zum Gipfel zu begleiten.
Zufälle gibts … Genau so wie der, das am selben Wochenende dann mit dem VentouxMan auch noch ein Triathlon am Mount Ventoux stattfindet.

Mittwochs auf meiner Anreise nach Frankreich telefoniere ich mit meinem Trainer Marc Pschebizin, mit dem ich für meine Zeit in Frankreich nochmal besprechen möchte, wo wir in den kommenden Wochen den Schwerpunkt im Training legen. „Hey Jensi, Sonntag ist am Ventoux noch ein Traithlon. Es ist zwar ne Mitteldistanz, aber ich wollte dich Sonntag sowieso 20 km laufen lassen, meld dich doch an, das ist ein gutes Training.“- Okay hab ich gemacht, und so kam ich also auf die Startliste dieser extremen Mitteldistanz: 2 km Schwimmen, 90 km Radfahren mit 2400 Höhenmetern einmal über den Mount Ventoux und dann noch 20 km auf einer Höhe von 1600 m üNN mit 500 Höhenmetern laufen. Hartes Ding, grade wenn man eineinhalb Tage vorher auch noch die Challenge der Verrückten in den Beinen hat.
Okay, es ist ein gutes Training hat der Coach gesagt und ich hab es sportlich genommen und wollte einfach mal wieder Spaß haben, Triathlon genießen und vor allem die Landschaft durch die die Strecke führte an meinem letzten Tag hier genießen.

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Da es sich um eine Punkt zu Punkt Strecke handelte, musste ich mein Fahrrad schon einen Tag zuvor an einem See, rund 60 km entfernt von der zweiten Wechselzone einchecken. Ich hab mich ganz bewusst gegen mein Zeitfahrrad und für mein Rennrad entschieden. Klar hätte ich auf der rund 60 km langen Anfahrt zum Anstieg auf dem Zeitfahrrad einen Vorteil verschafft, aber die 20 km mit fast 2000 Höhenmetern Anstieg wären auf dem Zeitfahrrad die reinste Tortour geworden.

Vor dem Start treffe ich noch einen anderen Deutschen, für den der VentouxMan sein Saisonhighlight wird. So richtig Bock hab ich an diesem Sonntag Mogren um 6:30 Uhr noch nicht.
Um 7:30 Uhr gehts dann pünktlich los. Nicht aber wie ich das kenne für die Profis als erstes – nein, hier dürfen erst die Para-Triathleten (welche von den mehr als 600 Teilnehmern schon vor dem Start ohne Ende gefeiert werden), dann die Staffel, die Frauen und dann um 7:40 Uhr endlich wir, „Homes“ 🙂

Auch, wenn ich erst mit zehn Minuten Verspätung in den Spiegelglatten See starten darf um zwei Runden á einem Kilometer zu schwimmen, lasse ich mir das kleine Prestige „first out of water“ nicht nehmen und starte kurz nach 8 Uhr dann auf die 90 km mit meinem Rennrad. Quer durch die Provence, vorbei an Weinfeldern, durch kleine Wälder, Straßen und Ortschaften, die mich teilweise wie einen Tour de France Profi fühlen lassen, hin nach Bedoin, wo es mit dem Anstieg des Tages dann erst richtig los geht. Mittlerweile haben mich zwei Athleten auf Zeitfahrrädern überholt und ich befinde mich auf Position 3 im Anstieg zum Gipfel. Minute um Minute, der nächste Kilometer und wieder steht auf dem Radstein 11%, in Gedanken frage ich mich wirklich, „warum hast du dir das heute hier angetan?!“

Irgendwie kämpfe ich mich durch, ab und an ist das Führungsfahrzeug mal wieder bei mir und das Mädel auf dem Beifahrersitz ruft mir immer mal wieder Wörter zu, bis ich ihr sage das ich kein französisch verstehe 😉 Sechs Kilometer, 500 Höhenmeter vor dem Gipfel, am Chalet Reynard bin ich auf einmal wieder Zweiter. Beflügelt von meiner Entscheidung dass das Rennrad die bessere Alternative grade für die zweite Hälfte der Radstrecke ist läuft es auf einmal wieder wie von alleine und so machen wir Nebel, 3* C und die Kälte bis hin zur Wechselzone relativ wenig aus. Mittlerweile sind knappe vier Stunden seit dem Start des Rennens vergangen und ohhhhh ja, 20 km laufen muss ich ja auch noch.

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20 km die es in sich haben. Vier Runden a fünf Kilometer mit knappen 120 Höhenmetern pro Runde, auf und um einen Camping-Platz auf 1600 m über Normalnull gelegen. Dreiviertel der Runde sind Trail, feinster Trail und der Rest geht über eine Straße, genau so wie ich aus den ganzen XTERRA Wettkämpfen die ich kenne liebe. Mein Lauf klappt von Anfang an echt gut, konstant und gleichmäßig. Zuhause verfolgen meine Freunde über die Livesplits der Zeitmessfirma meine Platzierung und Performance, was mich nach dem Rennen echt nochmal richtig happy macht. „Jens ist wieder Zweiter“, „ohhhhh ja der läuft echt gut“, er hat wieder was gut gemacht nach vorne“, mega cool diese Nachrichten nach dem Rennen zu lesen. Am Endergebnis ändert das nichts mehr. Nach vorne und nach hinten passiert nichts mehr und so werde ich am Ende hinter dem in der Schweiz leben Franzosen Pierre Ruffaut Zweiter. Bei meinem längsten und wohl härtestem Triathlon überhaupt.

Nach dem ich vor einer guten Woche schon einmal, allerdings bei einem Mountainbike Rennen auf Platz 2 mein erstes Podium in dieser Saison geschafft habe, habe ich es nun auch im Triathlon in einer Saison, die nicht nur wegen Corona relativ bescheiden begonnen hat, auf Treppchen geschafft. Bei einem Rennen das ich nie auf meiner Liste hatte, letztendlich aber dennoch froh bin, dass ich es gemacht habe. Vielleicht ist das auch nochmal ein weiterer, erster Schritt in Richtung Langdistanz und zeigt, dass man immer an sich glauben soll und niemals aufgeben darf.

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Vielen Dank an meine ersten Camping Freunde, Kerstin und Alex, die mir am Abend vor dem Wettkampf einen Topf Nudeln und etwas Tomatensoße mitgekocht haben, sodass ich mich noch ein bisschen entspannen konnte … wobei ich ja eh schon so aufgeregt war 🙂

Jens

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